Interview mit Andrew Warr

 

"Wir alle haben die Fähigkeit liebevoll und freundlich zu sein"

Wie würdest du jemandem, der noch nie etwas von der Praxis der liebenden Güte gehört hat, erklären, was das ist?

Andrew Warr: Liebende Güte ist eine Meditation aus der buddhistischen Tradition, die jeder anwenden kann, um eine liebevollere und freundlichere Haltung sich selbst und anderen gegenüber zu kultivieren. Dabei werden einfache Sätze verwendet, die Gutherzigkeit ausdrücken und die Gefühle der Wärme und Verbundenheit fördern.


Was bringt es, mehr liebende Güte zu entwickeln?

Andrew Warr:  Wir alle besitzen die Fähigkeit liebevoll und freundlich zu sein, doch diese Gefühle können leicht blockiert werden, wenn wir zum Beispiel zu kritisch mit uns selbst und anderen sind. Die Praxis der liebenden Güte zeigt uns, wie wir mit uns selbst und anderen so umgehen können, dass heilsamere Perspektiven des Umgangs ermutigt werden.


Kann uns diese Praxis im täglichen Leben helfen, z.B. bei Stress, Erschöpfung oder Ängsten?

Andrew Warr: Ja, mit der liebenden Güte Praxis lernen wir, uns selbst gegenüber annehmender, freundlicher und mitfühlender zu sein, vor allem wenn wir Herausforderungen begegnen. Wir können in schwierigen Situationen eine Art des Seins mit uns selbst finden, mit der wir Schwierigkeiten gelassener meistern können.

Ich bin immer wieder inspiriert, wenn ich Menschen begegne, die nach dem Retreat mit dieser Praxis weitergemacht haben; denn sie haben wunderbare Geschichten zu berichten, was sich alles durch diese Praxis verändert hat– zum Beispiel wie sie gelernt haben, sich selbst gegenüber freundlicher und mitfühlender zu sein; oder wie sich schwierige Beziehungen zuhause oder am Arbeitsplatz transformiert haben; oder manchmal auch nur, wie sie in bestimmten Situationen positiver reagieren, als sie es früher getan haben.


Das klingt gut. Wie sieht ein erster Schritt dahin aus?

Andrew Warr: Ein guter Ausgangspunkt ist es, zunächst einmal zu würdigen, dass wir alle die natürliche Fähigkeit besitzen liebevoll und freundlich zu sein. Wir beginnen, indem wir über Beziehungen reflektieren, in denen diese Gefühle leicht entstehen, zum Beispiel bei Menschen, die uns wichtig sind, oder Menschen, die besonders gütig zu uns waren; und dann versuchen wir diese Gefühle auf andere auszudehnen.


Gibt es wissenschaftliche Belege über die Wirksamkeit?

Andrew Warr: Ja, es gibt eine immer größer werdende Anzahl wissenschaftlicher Untersuchungen, in denen gezeigt wird, dass liebende Güte ein breites Spektrum von Vorteilen für unser Wohlergehen bringt– siehe zum Beispiel der Artikel auf der Seite von Emmela Seppala.


Ist es eine Praxis, die ich gleich im Alltag anwenden kann?


Andrew Warr:  Für die meisten Menschen ist die wirkungsvollste Art zunächst formell ohne Ablenkungen allein oder in der Gruppe zu praktizieren. Dann kann es sehr inspirierend und transformierend sein, diese Praxis auch in alltäglichen Situationen anzuwenden.