Interview mit Christine Longaker


„Selbstmitgefühl ist eine heldenhafte Reise,

auf der wir den Mut entwickeln, mit ganzem

Herzen zu leben.“

Warum Selbstmitgefühl? Warum ist es für jeden von uns wichtig?

Christine Longaker: Wir möchten in unserem Leben gerne großmütig und mitfühlend sein, und doch verurteilen, beschuldigen oder missachten wir oft Menschen, die leiden. Anstatt deswegen nun allzu hart mit uns selbst zu sein, können wir verstehen, dass wir selbst es sind, die hier zuallererst Verständnis und Güte brauchen – und der innere Schmerz, den wir so lange vergessen und ignoriert haben. Wenn wir den Mut haben, unser eigenes Leid wahrzunehmen, und es uns gelingt, mit Mitgefühl und Freundlichkeit darauf zu reagieren, werden wir auch freundlicher und mitfühlender auf andere zugehen können. Wir spüren dann Leichtigkeit, Warmherzigkeit und Wohlbefinden, was wiederum einen positiven Effekt auf alle hat, denen wir begegnen. 


Was treibt dich an, Menschen für Selbstmitgefühl zu ermutigen und zu trainieren?  

Christine Longaker: Viele von uns gehen durchs Leben, ohne den Trümmerhaufen in unserem Geist und unserem Herzen zu bemerken. Diese lang vergessenen Schmerzen und Leiden hindern uns daran, Freude zu empfinden, anderen wirklich zu vertrauen, uns mit ihnen zu verbinden und uns ganz der umfassenden, strahlenden Liebe unserer wahren Natur zu öffnen. Unsere Auseinandersetzung damit findet auf zwei Ebenen statt: durch kognitive Einsichten, die uns helfen, unsere Unzulänglichkeiten und negativen Muster zu verstehen, und durch verschiedene Meditationen, die uns Entspannung bringen und uns mit Anteilnahme, Mitgefühl und Liebe erfüllen.

Viele, die ein Training in Selbstmitgefühl mitgemacht haben, sagten mir, es sei eine Quelle für Transformation und Heilung. Auch ich selbst habe überraschende und willkommene Veränderungen erlebt, als ich diese Methode auf mich und mein Leben angewandt habe. Ein Buch über Selbstmitgefühl zu schreiben hilft mir, auf viele der Zweifel und Fragen einzugehen, die mich seit Jahren beschäftigen, und es zeigt mir, wie ich mein Leben, mich selbst und andere lieben kann, auf bedingungslose Weise.

Macht uns Selbstmitgefühl nicht schwach und sentimental?

Christine Longaker: Wenn wir uns in Selbstzweifeln und Selbsthass verfangen, befinden wir uns in einer endlosen Schleife aus Angst, Opferhaltung, mangelnder Selbstachtung, Abwehr und Schuldgefühlen. Das schwächt uns enorm, und wir sind den Überzeugungen und Gefühlen, die uns antreiben oder im Griff haben, hilflos ausgeliefert. Selbstmitgefühl ist eine heldenhafte Reise, auf der wir den Mut entwickeln, mit ganzem Herzen zu leben.

Mut braucht es, um den verborgenen Schmerz in uns wahrzunehmen und mit Mitgefühl und Freundlichkeit auf uns selbst zu reagieren. Nur so können wir die alten Muster aus Verletzungen, Angst und Misstrauen auflösen. Gelingt uns dies, können wir mit uns selbst und anderen mit einem tieferen Gefühl von Ausgeglichenheit, Ganzheit und Stärke in Kontakt kommen.

Wie kann uns Selbstmitgefühl am Arbeitsplatz helfen, wo Emotionen, Sanftmut und Offenheit meist nicht als hilfreich und effizient angesehen werden?

Christine Longaker: Selbstmitgefühl bringt nicht nur Offenheit und Güte mit sich. Wir entdecken auch, dass wir klarer, ausgeglichener und geerdet sind. Wenn wir geerdet und  verbunden mit der grundlegenden, essentiellen Liebe in uns sind, können wir ohne Furcht, Anspannung oder Reaktionsmuster für unsere Kollegen da sein.

Mit einem offenen Herzen können wir uns und unsere Lebenserfahrungen leichter und humorvoller annehmen. Wenn wir unsere Geschichte und unsere innere Anspannung verstehen und mitfühlend darauf reagieren, sehen wir auch die Anspannung in anderen mit mehr Verständnis und Mitgefühl. Die Kommunikation kann klarer werden, verständnisvoller, verantwortungsvoller, frei von Abwehrhaltung oder Schuldzuweisung.

Was können die Teilnehmenden deiner Kurse erwarten?

Christine Longaker: Um rückhaltlos, mit ganzem Herzen leben zu können, braucht es Mut, liebendes Mitgefühl und Verbundenheit. Daher möchte der Kurs helfen, diese drei Qualitäten zu entwickeln.

Mut – unser Leben sehen und verstehen, dank kognitiver Einsichten, die uns helfen, unsere Muster und ihre Ursprünge zu erkennen.

Mitgefühl – den Trümmerhaufen im Herzen beseitigen mit Meditationen, die Entspannung, Heilung und Vergebung fördern und unser gesamtes Wesen mit bedingungslosem, liebendem Mitgefühl, mit Wertschätzung und Freude erfüllen.

Verbundenheit – wir üben uns darin, einander authentisch und liebevoll zuzuhören und zu begegnen, und beginnen, die Einsichten und Methoden des Kurses in unseren Umgang mit anderen Menschen zu integrieren.

6-Tage Retreat mit Christine Longaker in Deutschland

 

SELBSTMITGEFÜHL - Eine heldenhafte Reise zu Mut, Liebe und Freundschaft

18 – 23. Juni 2016 // Dharma Mati Berlin

>> Mehr Infos und zur Online-Anmeldung

 

Zur Person: Christine Longaker - Selbstmitgefühls-Trainerin

Seit über 35 Jahren gibt Christine Longaker weltweit Schulungen zur Integration von Meditation und Mitgefühl in das Gesundheits- und Sozialwesen und in die Psychologie.

Sie ist Autorin des Buches Dem Tod begegnen und Hoffnung finden - Die emotionale und spirituelle Begleitung Sterbender, das in acht Sprachen übersetzt wurde, und hat verschiedene Studien über den Nutzen von Spiritual Care-Kursen für Menschen in der Palliativarbeit mit veröffentlicht.

Christine Longaker ist Mitbegründerin und Direktorin einer der ersten Hospiz-Einrichtungen in Kalifornien, leitet derzeit Schulungen zum Selbstmitgefühl und schreibt ein Buch zum Thema. Sie ist bekannt für die Präsenz, Tiefgründigkeit und Klarheit, die sie in ihre Trainings einbringt.