Interview mit Andrew Warr                                                 

 

"Mitgefühl macht uns stärker"

Was ist Mitgefühl aus buddhistischer Sicht?

Andrew Warr:  Mitgefühl ist eine sehr menschliche Reaktion auf jede Form von Leiden, das irgendjemand erlebt. Mitgefühl ist der Wunsch, das Leiden zu lindern und auch aktiv etwas dafür zu tun.
Die Lehren des Buddha blicken tief in die Ursachen des Leidens. So umfasst eine wahrhaft mitfühlende Reaktion den Wunsch, sowohl die Ursachen des Leidens abzustellen als auch das Leiden, das an der Oberfläche sichtbar wird.

Warum ist Mitgefühl gerade in der heutigen Zeit besonders wichtig?

Andrew Warr:  Die Bedeutung von Mitgefühl ist zeitlos. Es ist leicht zu erkennen, welchen Unterschied es ausmachen würde, wenn Mitgefühl eine zentrale Rolle in unserer gegenseitigen Wahrnehmung spielen würde. Aber ein großes Problem in der modernen westlichen Welt ist, dass wir hart zu uns selbst sind, uns manchmal sogar hassen. Daraus entsteht eine Menge Leiden. Wir reagieren nicht annähernd so freundlich und mitfühlend auf unser eigenes Leiden (besonders geistiges und emotionales Leiden), wie wir es manchmal bei anderen tun. Daher ist Mitgefühl für uns selbst (natürlich nicht in einer egozentrischen oder narzisstische Weise) ein wesentliches Element.

Geht es heutzutage nicht eher darum, sich gegenüber Konkurrenten durchzusetzen und stark zu sein? Wie kann mir denn Mitgefühl da helfen?

Andrew Warr: Mitgefühl macht uns stärker, aber nicht in einer aggressiven Art und Weise, sondern dadurch, dass es uns innere Stärke, Resilienz sowie die Fähigkeit verleiht, mit den Herausforderungen des Lebens fertig zu werden. Das geschieht ganz natürlich, wenn wir beginnen, mit mehr Mitgefühl auf das Leiden in der Welt zu reagieren. Das unterläuft die Tendenz, uns ausschließlich mit unseren eigenen Angelegenheiten und Ängsten zu beschäftigen. Denn wenn wir uns immer nur für das interessieren, was wir wollen, und nur versuchen, das Leben so hinzukriegen, wie wir es gern hätten, werden wir schwach und verletzlich gegenüber den ständigen Veränderungen des Lebens – und selbst wenn wir das bekommen, was wir uns wünschen, wissen wir auch, dass auch dies der Veränderung unterliegt.

Mit-Gefühl ... oft heißt es doch, Gefühle seien im Arbeitsalltag eher schwierig – was hältst du davon?

Andrew Warr:  Zunächst mal müssen wir keinen Überschwang an Gefühlen haben, um mitfühlend zu sein. Als Individuen können wir Mitgefühl in unterschiedlicher Weise erleben. Manchmal frage ich Menschen, wer für sie ein Beispiel für Mitgefühl ist, und dann kommen immer dieselben Antworten: Nelson Mandela, der Dalai Lama, Mutter Theresa, Gandhi… wunderbare Beispiele sowohl für Mitgefühl als auch für innere Stärke und Erfolg.

Und was ist mit der Ansicht, dass Mitgefühl doch eher was für Frauen und Sozialarbeiter sei...?

Andrew Warr:  Mitgefühl ist für alle, die daran interessiert sind, tieferes Glück und Wohlergehen zu finden und mehr Sinn ins Leben zu bringen. Wir alle profitieren, wenn wir Gefühle von menschlichem Miteinander und Verbindung zu anderen erleben anstatt Einsamkeit und Isolation. Mitgefühl ist auch etwas, was jeder aus eigener Lebenserfahrung kennt. Was die tibetisch-buddhistische Tradition hier anbietet, ist eine breite Palette effektiver Methoden, unser Mitgefühl zu kultivieren und zu erweitern.

Mit mehr Mitgefühl einen Beitrag zu einer besseren Welt leisten – wie kann das gehen?

Andrew Warr:  Es gibt so viele Konflikte auf der Welt, weil die Menschen Situationen aus einem Blickwinkel von „die und wir“ sehen. Wenn wir näher hinschauen, entdecken wir, wie eng wir miteinander verbunden sind und dass eine aggressive, selbstsüchtige oder selbstgerechte Haltung uns und andere schädigt. Ein Ansatz mit mehr Mitgefühl ist der einzig praktikable Weg, mehr Frieden und Harmonie auf die Weltbühne zu tragen und ebenso auf einer lokalen Ebene in unsere Gemeinden, an den Arbeitsplatz, in unsere Familien und persönlichen Beziehungen.

Zu Andrew Warr:
Seit Andrew Warr 1984 Sogyal Rinpoche – dem weltweit bekannten buddhistischen Meditationslehrer aus Tibet und Autor des 
Tibetischen Buchs vom Leben und vom Sterben – begegnet ist, studiert und praktiziert er die Lehren. Er hat ein dreijähriges Studien- und Ausbildungsprogramm in buddhistischer Philosophie und Praxis („Dreijahresretreat“) absolviert. Andrew Warr gehört zu Rigpas erfahrenen Kursleitern, die von Sogyal Rinpoche autorisiert sind, die buddhistischen Lehren international zu präsentieren. Die Meditation der Liebenden Güte ist sein Spezialgebiet. Teilnehmende seiner Vorträge und Seminare profitieren von seinem wachen Geist und seiner bescheidenen, das Herz öffnenden Präsenz.


Die Kraft des Mitgefühls                                              

„Zunehmendes Mitgefühl ist nach meiner Überzeugung der Schlüssel zu einer glücklicheren und erfolgreicheren Welt, und zwar auf allen gesellschaftlichen Ebenen - der familiären, nationalen und internationalen. Dazu müssen wir uns nicht zu einem religiösen Glauben bekennen oder uns eine bestimmte Ideologie zu eigen machen. Nötig ist nur, dass jede und jeder von uns positive menschliche Eigenschaften herausbildet.“

S.H. Dalai Lama, „Die Kraft der Menschlichkeit“

Video: Wie wir lernen, uns selbst zu lieben

Veranstaltungstip zum Thema Mitgefühl

Meditation der liebenden Güte – Unser gutes Herz kultivieren

>> Regelmäßig angeboten in Berlin und Hamburg und München

 

Auszug aus "Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben"

Oft kommen Menschen zu mir und sagen: «Das Leiden meines Freundes oder meines Verwandten nimmt mich sehr mit. Ich möchte ja wirklich helfen, aber ich habe nicht das Gefühl, genug Liebe in mir zu haben, um wirksam helfen zu können. Das Mitgefühl, das ich zeigen möchte, ist irgendwie blockiert – was kann ich tun?» Kennen wir nicht alle die traurige Frustration, wenn wir nicht in der Lage sind, für die Menschen, die um uns herum leiden, genug Liebe und Mitgefühl aufzubringen und daher auch nicht genug Kraft, ihnen zu helfen?

compassion

Eine der besonderen Eigenschaften der buddhistischen Tradition besteht darin, dass sie eine große Auswahl an Praktiken entwickelt hat, die uns in solchen Situationen wirklich eine Hilfe sein können, die uns Kraft und Enthusiasmus geben können, die uns helfen, unseren Geist zu reinigen und unser Herz zu öffnen, damit die heilenden Energien von Weisheit und Mitgefühl wirksam werden und ihre transformierende Kraft entfalten können.

Von allen mir bekannten Praktiken ist die Praxis des Tonglen, was im Tibetischen «Geben und Nehmen» bedeutet, eine der nützlichsten und wirksamsten. Wenn Sie sich in sich selbst eingeschlossen fühlen, öffnet Tonglen Sie für die Wirklichkeit des Leidens der anderen. Wenn Ihr Herz blockiert ist, zerstört diese Praxis die hemmenden Kräfte. Und wenn Ihnen der leidende Mensch vor Ihnen fremd vorkommt oder wenn Sie verbittert oder verzweifelt sind, hilft Tonglen Ihnen, das liebevolle, offene Strahlen Ihrer eigenen wahren Natur zu entdecken und schließlich auch zum Vorschein zu bringen. Ich kenne keine andere Übung, die so wirkungsvoll wie diese das Festhalten an einem Ich, die Selbstsucht und Selbstzufriedenheit des Ich – die Wurzeln all unseres Leidens und aller Hartherzigkeit – zerstört.

Auszug aus „Das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben“, Kapitel 12, Mitgefühl: das wunscherfüllende Juwel, Sogyal Rinpoche

>> Mehr zu Tonglen und anderen Mitgefühls-Übungen im Tibetischen Buch vom Leben und vom Sterben