Interview mit Maureen Cooper

 

Gewahrsein und Mitgefühl

– die besten Partner im hektischen Großstadtleben

Inmitten der Hektik und Geschäftigkeit unseres Alltags fällt es uns oft nicht leicht, Arbeit, Freunde, Familie und Beziehungen unter einen Hut zu bringen. Doch so verrückt uns das Großstadtleben auch erscheinen mag – wir müssen uns nicht zwangsläufig von allem zurückziehen oder auf eine einsame Insel flüchten, um innere Ruhe und Wohlbefinden zu entwickeln. Maureen Cooper, Schülerin des Meditationslehrers Sogyal Rinpoche, erforscht in einem Wochenend-Seminar in München und Berlin, wie wir mit Hilfe der buddhistischen Weisheitslehren, genau da beginnen können, wo wir gerade sind – mitten in der Stadt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frau Cooper, sind Sie selbst ein Stadtmensch?

Cooper: Ja, ich habe die meiste Zeit meines Lebens in Städten gelebt. Ich bin in London geboren und lebe jetzt in Amsterdam. Städte sind großartige, inspirierende Orte. Auch für die buddhistische Praxis.

Inwiefern?

Cooper: Weil so viel passiert, kann man seinen Geist gut kennenlernen. Man kann alles, was auftaucht, nutzen, um ihn zu trainieren. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Café und die Gäste am Nebentisch reden Ihnen viel zu laut. Sie drehen sich um, schauen sie an und merken plötzlich: Die wollen einfach auch nur glücklich sein. Genau wie ich. Genau wie alle anderen auch. Jeder von uns will einfach nur glücklich sein und Leid vermeiden. Wie bewegend! Die Stadt bietet uns viele Gelegenheiten Mitgefühl und Meditation zu üben. Ich selbst praktiziere unterwegs oft die Zeilen aus der Praxis der Liebenden Güte: Mögen alle glücklich sein. Möge es allen wohlergehen.

Aber sollten nicht gerade Anfänger der Meditation eine ruhige Umgebung aufsuchen?

Cooper: Sie haben oft nicht die Wahl, wenn sie in der Stadt leben und arbeiten. Aber sie können sich freilich einen schönen, ruhigen Ort in ihrer Wohnung schaffen und mit regelmäßiger Meditation beginnen. Das dann innerhalb des Städtetrubels zu erproben, ist eher etwas für Menschen, die bereits eine regelmäßige Meditationspraxis haben, also schon etwas sicherer in der Meditation sind. Wer Erfahrung mit Meditation und Liebender Güte hat, kann dann damit raus in die Stadt.

Wie bringen Sie Meditation in den Alltag?

Cooper: Ich hatte das Glück, zehn Jahre eng für den Meditationsmeister Sogyal Rinpoche zu arbeiten. Er hat uns gezeigt, dass wir alles nutzen können, um zu praktizieren. Er hat immer betont, dass wir nicht nur auf dem Kissen oder dem Stuhl meditieren, sondern vor allem im Alltag. Er sagte immer, er könne sehen, wie unser Geist ist, anhand der Art und Weise, wie wir die Dinge tun, zum Beispiel wie wir eine Tasse Tee zubereiten. Er hat gezeigt, dass die Art eine Besprechung zu leiten, Menschen anzusprechen oder unseren Schreibtisch zu arrangieren, auch Ausdruck unserer Praxis ist, also dem Zustand unseres Geistes

Wie können wir uns Meditation im Alltag konkret vorstellen?

Cooper: Sogyal Rinpoche spricht hier vor allem von drei Aspekten der Meditation, die wir auch in der Handlung anwenden können: Einmal, dass wir entspannt und offen sind, bei allem was wir tun. Zweitens, dass wir die Aufgabe selbst dazu nutzen, um Achtsamkeit zu üben. Und drittens, dass wir Gewahrsein anwenden, um wahrzunehmen, ob wir noch achtsam bei der Sache sind, oder schon abgelenkt.

Wie kann uns Meditationspraxis im Alltag helfen?

Cooper: Wenn unser Geist durch die Meditation ruhiger wird, dann haben negative Emotionen weniger Chancen sich in uns auszubreiten. Wir können unsere Handlungen dann klarer sehen und bewusster Entscheidungen treffen, wie wir reagieren wollen.

Haben Sie ein Beispiel, wie Sie durch Meditation einmal anders reagieren konnten?

Cooper: Ja. Einmal zum Beispiel war ich gerade mit einem Flugzeug in Amsterdam gelandet. Das Flugzeug war sehr voll. Als ich aufstand, waren meine Knie ganz steif und ich bin in die Frau hinter mir gestolpert. Ich glaube, ich stand auf ihrem Fuß! Sie war sehr verärgert und fluchte. Ich fühlte mich schrecklich und dachte “wie unfair”. Dann aber erkannte ich, dass ich in ihren Augen wie jemand wirken musste, der einfach nur schnell aus dem Flieger will, die drängelt und und sich nicht um andere schert. So habe ich mich dann einfach zu ihr umgedreht, sie angelächelt und mich entschuldigt. Sie war überrascht und zugleich erfreut. Als wir dann zusammen ausgestiegen sind, war die Atmosphäre gleich viel besser. Ich war glücklich, dass ich mich durch ihre Augen sehen und somit verstehen konnte, warum sie so grob war, anstatt mit Abwehr zu reagieren und die Situation noch schlimmer zu machen.

Stadtleben kann viel Stress bedeuten. Wie kann man damit umgehen?

Cooper: Wir werden im Kurs über die Auswirkungen von Stress sprechen, wie wir oft überreagieren und wie wir anders damit umgehen können: Oft denken wir, wir müssten auf die Dinge in einer bestimmten Art und Weise reagieren, mit Stress, Angst oder Ärger. Mit Meditation und Mitgefühl können wir den Stresslevel senken.

Was bietet Ihr Kurs den Teilnehmenden?

Cooper: Wir schauen uns an, wie der Geist funktioniert. Wenn die Menschen zum ersten Mal bemerken, dass sie sich nicht mit ihren Gedanken und Emotionen identifizieren müssen, ist das für sie ein starker Moment. Wir untersuchen auch, wie wir mit unseren Gefühlen arbeiten und Mitgefühl mit uns selbst haben können. Die Praxis der Liebenden Güte ist eine wunderbare Praxis, für uns selbst und die Verbindung zu anderen.

Muss man Buddhist sein, um von Ihrem Kurs zu profitieren?

Cooper: Nein, gar nicht. Jeder kann die Praxis der Liebenden Güte oder Meditation erlernen.

Gibt es wissenschaftliche Beweise, dass Meditation funktioniert?

Cooper: Meditation wird inzwischen vielfach erforscht, genauso wie Mitgefühl, Glück und Stress. Wir werden im Kurs auch über die wissenschaftlichen Hintergründe informieren – das schätzen die Teilnehmer oft sehr. Für viele ist es neu, dass etwa die Wirkung der Meditation wissenschaftlich untermauert und nicht nur eine hübsche Vorstellung ist. Schon nach zwei Wochen regelmäßiger Meditation, kann man Auswirkungen auf das Gehirn und den Geist sehen. Das ist ein starker Ansporn, damit anzufangen!

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jana Biedka

 

Zur Person: Maureen Cooper studiert und praktiziert Buddhismus seit 1977 unter der Leitung von Sogyal Rinpoche, dem international bekannten buddhistischen Lehrer aus Tibet und Autor von „Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben“. Sie legt großen Wert darauf, die Lehren auch für ein nicht-buddhistisches Publikum zugänglich zu machen und aufzuzeigen, wie hilfreich und praktisch anwendbar diese alten Weisheitslehren für unser modernes Alltagsleben sind. Maureen Cooper ist Gründerin von „Awareness in Action“, einem Programm zur Integration spiritueller Werte im Arbeitsalltag. Teilnehmende ihrer Seminare schätzen ihren Humor und ihre lebendigen Art zu kommunizieren. Maureen Cooper wurde in London geboren und ist von Sogyal Rinpoche autorisiert, international zu lehren.