Interview mit Kirsten DeLeo (Spiritual Care Senior Educator)

 

“Mitgefühl ist der beste Schutz, um mit Leiden umzugehen“

Mitarbeiter in Gesundheitsberufen sehen viel Leid. Wie können sie offen und mitfühlend bleiben, selbst, wenn die Medizin am Ende ist? Diese Fragen beantwortet Spiritual Care in überkonfessionellen Kursen. Kursleiterin Kirsten DeLeo spricht über neurowissen-schaftliche Erkenntnisse und Spiritualität im beruflichen Alltag.

Mitarbeiter in Gesundheitsberufen sind oft höchst motiviert, Leid zu lindern. Dennoch stoßen sie an Grenzen: Was macht es so schwer, im beruflichen Alltag präsent und mitfühlend zu handeln?

Kirsten DeLeo: Die Tatsache, dass wir mitleiden. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass wir auch als Beobachter wirklich Leid erfahren, wenn wir andere körperlich oder psychisch leiden sehen. Diese Empathiefähigkeit ist nützlich, da sie wichtige Informationen vermittelt und eine Brücke zum anderen baut. Die Gefahr ist jedoch, dass man auf der Gefühlsebene steckenbleibt, etwa wenn man kein gesundes Selbstverständnis der eigenen Grenzen entwickelt hat. Der Schmerz der Patienten wird dann mehr, als man ertragen kann.

Wie gut sind Mitarbeiter in helfenden Berufen auf den Umgang mit Leid vorbereitet?

Kirsten DeLeo: Sie sind zwar fachlich gut vorbereitet, aber im Umgang mit Leid fühlen sie sich oft ratlos und allein gelassen. Dabei geht es um wichtige Fragen: Wie bleibe ich im Angesicht von Leid offen und mitfühlend, auch wenn ich medizinisch nichts mehr tun kann? Wie erkenne ich die tieferen und spirituellen Bedürfnisse von Patienten, die oftmals aus innerer Hilf- oder Sprachlosigkeit unbenannt bleiben? Die Hilflosigkeit der Helfer führt nicht selten zu tiefer Frustration bis hin zum Burnout. Die Patienten leiden noch mehr und empfinden ihre Schmerzen schlimmer.

Wo setzen die Kurse von Spiritual Care an?

Kirsten DeLeo: Es geht um die Fähigkeit, auf die praktischen, emotionalen sowie tieferen menschlichen und spirituellen Bedürfnisse von Patienten einzugehen. Wir zeigen, wie wir die Qualitäten von mitfühlender Mitmenschlichkeit, Toleranz, Liebe oder Verantwortungsbewusstsein für uns selbst und andere in der Pflege und Begleitung konkret umsetzen können.

Ist Spiritual Care ein Synonym für Krankenhausseelsorge?

Kirsten DeLeo: Nein. Spiritual Care ist eine Basiskompetenz aller Gesundheitsberufe und hat im Berufsalltag weniger damit zu tun, was wir tun, als wie wir sind. Es geht um die innere Haltung, mit der wir andere wahrnehmen und mit der wir handeln. Eine klare und einfühlsame Präsenz, die sich den Bedürfnissen und Sinnfragen der Patienten angst- und vorurteilsfrei öffnet, kann zutiefst heilend sein. Sie kann Menschen in Lebenskrisen und Not großen Beistand und Vertrauen geben.

Was genau lernen die Menschen in Ihren Kursen?

Kirsten DeLeo: Wir stellen Einsichten und Kontemplationen aus Sogyal Rinpoches Tibetischen Buchs vom Leben und vom Sterben vor. Das heißt, wir lehren kontemplative Methoden wie Achtsamkeit und Meditation, also ganz praktische Handwerkszeuge, um die menschlichen Qualitäten wie Mitgefühl und Präsenz bewusster zu leben und anzuwenden. Mit ihrer Hilfe können Mediziner, Krankenschwestern, Therapeuten oder Seelsorger ihre beruflichen Kompetenzen erweitern und ihre Fähigkeit, für andere da zu sein, vertiefen.

Muss man dafür Buddhist sein oder irgendwie religiös oder spirituell?

Kirsten DeLeo: Nein, die Fortbildungen nutzen die authentischen buddhistischen Methoden der tibetischen Tradition, die 1000 Jahre lang erprobt und bewährt sind, und die unabhängig vom spirituellen oder weltanschaulichen Hintergrund angewendet werden können. Besonders im tibetischen Buddhismus finden wir eine lange Geschichte und tiefe Einsicht in das Wesen des Mitgefühls und des menschlichen Geistes sowie eine einzigartige und wirkungsvolle Methodik, um die natürliche Qualität des Mitgefühls und Gewahrsein zu vertiefen. Diese Methodik steht auch im Zentrum neuster neurowissenschaftlicher Studien.

Wie reagiert die medizinische Fachwelt auf solche Kurse?

Kirsten DeLeo: Neurowissenschaftliche Studien beleuchten den Nutzen des kontemplativen Ansatzes und der praktischen Anwendung von Methoden wie Meditation, Empathie- und Mitgefühlsreflektionen. Diese Studien bilden einen neuen Kontext für die berufliche Aus- und Fortbildung im Gesundheitswesen. Doch trotz dieser Erkenntnisse sind Seminare, die diesen Ansatz anbieten, noch nicht weit verbreitet.

Dennoch: Wenn ich mehr Präsenz und Mitgefühl aufbringe, leide ich dann nicht noch mehr?

Kirsten DeLeo: Nein, ganz im Gegenteil. Neue Studien deuten daraufhin, dass übermäßige klinische Distanz nicht, wie gemeinhin angenommen, ein effektives Rezept für gute Pflege und eine sichere Strategie gegen Burnout ist. Echtes Mitgefühl hat nichts Sentimentales an sich und verharrt auch nicht in emotionaler Betroffenheit. Beides würde unweigerlich zur Erschöpfung führen. Echtes Mitgefühl hat die Qualitäten von Offenheit, Zuversicht und gibt uns Energie. Es hat vor allem eine gute Portion praktischer Intelligenz und Weisheit, die uns hilft, angemessen und effektiv zu handeln. Darüber hinaus schafft Mitgefühl eine feinfühlende Akzeptanz dafür, dass wir nicht in allen Fällen helfen können, ohne dabei in Mutlosigkeit zu gleiten. Mit selbstlosem Mitgefühl wächst die Fähigkeit, urteilsfrei gewahr zu sein, was uns wiederum hilft, klarer auf die Bedürfnisse anderer einzugehen. Diese Art von Mitgefühl kann zutiefst nährend sein – sowohl für den Menschen, der leidet, als auch für den Menschen, der pflegt oder betreut. Für den klinischen Alltag heißt das: Mitgefühl ist der beste Schutz, um mit Leiden umzugehen.

Wo stünde die Welt, wenn die spirituelle Dimension in der Arbeit von Menschen in helfenden Berufen auf mehr Wissen, Verständnis und Fähigkeiten treffen würde?

Kirsten DeLeo: Dies ist eine gute und wichtige Frage. Die spirituelle Dimension ist für mich Teil der menschlichen Erfahrung und Sinnfindung und bildet das Fundament für die Kunst des Heilens und des Daseins für andere. Je mehr wir uns – individuell aber auch als Gesellschaft und in unserem Gesundheitssystem – den tieferen menschlichen und spirituellen Fragen des Lebens und Sterbens öffnen, desto weniger werden wir Opfer von Angst, Zweifel, Aggression, Stress und Hoffnungslosigkeit und der irrigen Anwendung von Prinzipien wie Produktivität und Leistung im Bereich Gesundheit. In dem Maß, wie wir den Mut aufbringen, uns diesen Fragen zu stellen, werden wir fähig sein, Leiden zu lindern und zu transformieren und Freude finden, an dem, was wir tun, sowie innere Zufriedenheit.

Zur Person: Kirsten DeLeo, MA, ist erfahrene internationale Ausbilderin und Meditations-kursleiterin in Rigpas Kurs- und Studienprogramm für spirituelle Begleitung. Sie ist Dozentin für 'Kontemplative Sterbebegleitung' für Fachkräfte im medizinischen und sozialen Bereich an der Naropa-Universität (USA). Jahrelang hat sie als Hospiz-helferin im Zen-Hospiz in San Francisco und als Koordinatorin für ehrenamtliche Helfer in Hospizen und Pflegeheimen gearbeitet sowie als Hakomi-Therapeutin Menschen in Lebenskrisen und deren Familien begleitet. Sie ist Schülerin von Sogyal Rinpoche, Autor des Tibetischen Buchs vom Leben und vom Sterben. Eindringlich und überzeugend vermittelt sie, wie Mitgefühl und Weisheit der buddhistischen Lehren unabhängig von Glaubensvorstellungen in der Arbeit mit Menschen in Lebenskrisen, mit Kranken und Sterbenden bereichernd angewendet werden können.

 

Spiritual Care-Fortbildungsprogramm von Rigpa

Das Spiritual Care-Fortbildungsprogramm von Rigpa bietet Seminare in Kommunikation, Trauer- und Sterbebegleitung und Selbstfürsorge an. Mitarbeiter aus Gesundheitsberufen üben sich in kontemplativen Methoden wie Achtsamkeit, Meditation und Mitgefühl und befassen sich mit der praktischen, emotionalen und spirituellen Dimension der Begleitung, Pflege und Heilung. Das Programm wurde 1993 nach der Veröffentlichung von Sogyal Rinpoches Tibetischen Buchs vom Leben und vom Sterben auf Wunsch zahlreicher Fachkräfte aus dem Gesundheits- und Sozialwesen gegründet, die praktische Wege kennenlernen wollten, das Mitgefühl und die Weisheit der tibetisch-buddhistischen Lehren in ihre Arbeit einzubeziehen. Bisher haben weltweit über 30.000 Menschen an diesen Fortbildungen teilgenommen.